Experten nehmen Tönnies-Werk ins Visier
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Mitarbeiter der Bezirksregierung Detmold und von Tönnies stehen am Dienstag bei der Begehung des Betriebes hinter den Drehkreuzen, wo ein Großteil der Mitarbeiter in den Betrieb gelangen. Vertreter der Bezirksregierung, des Kreises Gütersloh und der Stadt Rheda-Wiedenbrück beraten darüber wann und unter welchen Voraussetzungen im Werk in Rheda-Wiedenbrück wieder der Betrieb aufgenommen werden kann. 
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Am Dienstag setzten Behördenvertreter und Experten Begehungen der verschiedenen Bereiche in dem großen Schlachthof fort, wie ein Sprecher von Tönnies sagte. Seit Montag beraten Vertreter des Kreises Gütersloh, der Stadt Rheda-Wiedenbrück sowie der Bezirksregierung Detmold gemeinsam mit dem Unternehmen und verschiedenen Experten über ein Hygienekonzept für den großen Schlacht- und Fleischzerlegungsbetrieb.

Noch bis Mittwoch sollen Begehungen des Werkes stattfinden, um das Konzept vor Ort zu begutachten. Über die Ergebnisse soll dann am Donnerstag erneut mit den Beteiligten beraten werden, sagte der Tönnies-Sprecher weiter. Nach Angaben eines Sprechers der Bezirksregierung liegt das Hauptaugenmerk neben Hygienemaßnahmen wie Abstandsregeln und Maskenschutz dabei auf der Lüftungsanlage.

Beruhigung in der Gütersloher Innenstadt

"Es ist gut, dass sich alles wieder normalisiert", sagte Fleischverkäuferin Christel Röer am Dienstagmorgen auf dem Markt in Gütersloh. Allerdings sei die Innenstadt jetzt wegen der Ferien in NRW relativ leer. Auf die Fahrten in den Urlaub habe ja auch kaum einer verzichten wollen. "Auch wenn es anfangs hieß, die Gütersloher seien nicht willkommen. Das Thema war ja schnell vom Tisch."

Keine Groll auf Fleischkonzern

"Das Leben geht weiter", sagte Klaus Ziegler. "Die kaufen bald auch alle wieder bei Tönnies ein", zeigte er sich überzeugt. Sauer auf das Unternehmen beziehungsweise Clemens Tönnies sei er zumindest nicht: "Wenn Tönnies es nicht macht, macht es ein anderer." Wirkliche Aufregung sei in Gütersloh nicht zu spüren gewesen, so Andrea Heese, die einen Stand mit europäischen Käsespezialitäten betreibt. "Es war mehr das Gefühl, dass wir da jetzt halt durch müssen. Und die Hoffnung auf ein schnelles Ende des zweiten Lockdowns." Schließlich wolle man das Virus "loswerden".

Bürgermeister lobt Gütersloher

Der Bürgermeister der Kreisstadt, Henning Schulz (CDU), hatte in einer ersten Reaktion nach dem OVG-Beschluss am Montag die Einstellung der Gütersloher gelobt: "Für unsere Bürger und Bürgerinnen ist entscheidend, dass die verschärften Einschränkungen, die sie sehr diszipliniert ausgehalten haben, jetzt Vergangenheit sind." Das OVG-Urteil zeige, dass die Regeln und Abstimmungen, die zur Bewältigung der Corona-Krise getroffen werden, kontinuierlich im Fluss sind und weiterentwickelt werden. "So gesehen kann hat der "Fall Gütersloh" einen Lerneffekt."

Sehnsucht nach unbeschwertem Urlaub

Nach dem vorfristigen Ende der regionalen Einschränkungen im Kreis Gütersloh haben viele Einwohner derweil neben den Freizeitaktivitäten in der Ferienzeit vor allem einen unbeschwerten Urlaub in anderen Teilen Deutschlands im Blick. Niedersachsen-Reisende brauchen aber laut eines Medienberichts noch bis einschließlich zum Wochenende einen negativen Corona-Test. Ohne Auflagen dürfen Kreisbewohner hingegegen wieder nach Mecklenburg-Vorpommern kommen. Dies geht aus dem täglichen Bericht des Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lagus) hervor, der am Dienstag veröffentlicht wurde.

"Ich freue mich für die Bürgerinnen und Bürger im Kreis, wir haben jetzt wieder ein Stück mehr Freiheit. Der Lockdown war eine Belastung, jetzt ist endlich die Stigmatisierung vorbei", erklärte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU).

Gericht kippt Schutzverordnung

Das Oberverwaltungsgericht für Nordrhein-Westfalen hatte am Montag eine regionale Corona-Schutzverordnung des Gesundheitsministeriums für den Kreis Gütersloh gekippt. Die Richter bewerteten die Regeln für den gesamten Kreis angesichts deutlich gesunkener Werte als nicht mehr verhältnismäßig. Das Land hätte nach einer ersten Verlängerung differenzierte Regelungen finden müssen. Auslaufen sollte die Verordnung ursprünglich in der Nacht zu Mittwoch um Mitternacht.

Keine Maßnahmen mehr für Gemeinden

Die Landesregierung will nach der gerichtlichen Aufhebung der strengen Corona-Auflagen für den Kreis Gütersloh keine gesonderten neuen Maßnahmen verfügen - auch nicht für einzelne Gemeinden. Das machte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) deutlich. Es sei nicht zu einem Übertritt der Infektionen auf die übrige Bevölkerung des Kreises Gütersloh gekommen. Vor diesem Hintergrund erwartet die Landesregierung von NRW eigenen Angaben zufolge, "dass nunmehr auch alle Beherbergungsverbote in Urlaubsorten aufgehoben werden".

Beschränkungen galten auch im Kreis Warendorf

Die bundesweit ersten regionalen Einschränkungen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie erfolgten nach einem massiven Virus-Ausbruch im Tönnies-Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück mit über 1000 infizierten Mitarbeitern. Sie galten zeitweise auch für den benachbarten Kreis Warendorf, in dem ebenfalls viele Mitarbeiter des Werkes wohnen.

Im öffentlichen Raum durften sich demnach nur noch zwei Menschen oder Menschen aus einem Familien- oder Haushaltsverbund zusammentreffen. Eine Reihe von Freizeitaktivitäten sollten unterbleiben. Museen, Kinos, Fitnessstudios und Hallenschwimmbäder mussten geschlossen bleiben. Vertreter der Kreise sprachen allerdings von einem "Lockdown light", da Geschäfte und Restaurants weiterhin öffnen durften.

Kitas öffnen am Mittwoch wieder

Die Kitas im Kreis Gütersloh können erst ab Mittwoch wieder wie die in anderen Teilen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes öffnen, teilte die Kreisverwaltung mit. Die vom Kreis verfügte Schließung der Kitas sei nicht berührt von der Aussetzung des Lockdowns durch das Oberverwaltungsgericht. Sie laufe am Dienstag aus. Deshalb könne der eingeschränkte Regelbetrieb ab Mittwoch wieder aufgenommen werden. Es habe in den vergangenen Wochen einen Notbetrieb in Kitas gegeben. Der Kreis hatte auch die Schulen kurz vor Ferienbeginn geschlossen.

Tönnies-Produktion weiter unterbrochen

Das OVG-Urteil hat nach Angaben des Kreises auch keine Auswirkungen auf die unterbrochene Produktion bei Tönnies im Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück. "Mit dem Unternehmen sind wir in konstruktiven Gesprächen und eines ist sicher: Einen Neustart gibt es erst, wenn alles sicher ist, die Firma Tönnies muss die neuen Konzepte nach den Vorgaben der Behörden umsetzen", sagte Adenauer laut Mitteilung.

Konstruktive Gespräche

Nach Angaben der Bezirksregierung Detmold sollen die Gespräche mit Tönnies über das vorgelegte Hygienekonzept für die schrittweise Wiederaufnahme des Betriebs in Rheda-Wiedenbrück zeitnah fortgesetzt werden. Die bisherigen Gespräche seien konstruktiv gewesen, sagte ein Sprecher. Man habe sich auf ein Verfahren geeinigt, unter welchen Bedingungen, welche Betriebsteile wieder geöffnet werden. Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt. Am Dienstag sollen "erste Begehungen durch themenspezifische Arbeitsgruppen stattfinden".

Neben den regionalen Einschränkungen setzten die Behörden in NRW auf umfangreiche Tests in den beiden Kreisen, bei denen unter anderem auch die Bundeswehr half. Viele Menschen, die in den Urlaub fahren wollten, standen stundenlang Schlange, um ein Testergebnis wegen möglicher Vorgaben in einigen deutschen Urlaubsregionen vorweisen zu können. Die Bundesländer einigten sich dann auf ein einheitliches Vorgehen.

Die Sommerferien begannen in NRW bereits Ende Juni. Die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen lag im Kreis Gütersloh am Montag mit 50,5 nur noch knapp über dem Grenzwert von 50. Oberhalb dieser Schwelle kommen nach den Absprachen von Bund und Ländern regionale Einschränkungen zum Schutz der Bevölkerung in Betracht. Zum Höhepunkt des Corona-Ausbruchs bei Tönnies lag der Wert im Kreis Gütersloh vor zwei Wochen bei 270,2.

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