Herzstück der Buchmesse kommt aus Rheda
Literarische Ruhmesrampe: Das „Blaue Sofa“, auf dem Bertelsmann schon mehr als 2500 Autoren zu Gast hatte, ist das Herzstück der Frankfurter Buchmesse - und stammt von Cor.

 Und das schon seit 17 Jahren. Dabei dürften die wenigsten wissen, dass das Herzstück im El Dorado der Literaten und Literaturbegeisterten dieser Welt aus Rheda-Wiedenbrück kommt.

Entworfen hat das Sofa 1994 der Architekt und Designer Professor Wulf Schneider für die Firma Cor. „Es war von Anfang an ein Verkaufsschlager im Wohnbereich“, erinnert sich Leo Lübke, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Klar in der Linie, stringent in der Form und sehr umbaufreundlich mit seinen verschiedenen, würfelartigen Elementen.

Wohl auch deshalb habe sich Bertelsmann für dieses Möbel entschieden, als 1999 im damals noch bestehenden Buchclub die Idee aufkam, Lese- und Autorenförderung zu betreiben, indem man in Kooperation mit dem ZDF-Magazin „Aspekte“ Gespräche zwischen ausgewählten Autoren und ausgewiesenen Kulturjournalisten via Fernsehen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machte. Für die geplanten Interview-Situationen, die auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig institutionalisiert werden sollten, wurde ein dezentes Möbel mit hohem Wiedererkennungswert gesucht. „Dass wir das passende Sofa auch noch in Bertelsmann-Blau gerade parat hatten, ist ein schöner Zufall gewesen“, sagt Lübke lächelnd.

Und es war der Beginn einer bis heute singulären Erfolgsgeschichte, wie Christiane Munsberg bestätigt. Als Kulturchefin der Direct Group ist sie von Anfang an verantwortlich für den reibungslosen Ablauf auf dem „Blauen Sofa“ – was bei bislang 2500 Autorengesprächen schon etwas heißen will.

Keine Frage, wer es dorthin schafft, der hat es im nicht immer einfachen Literaturbetrieb geschafft. Als „literarische Ruhmesrampe“ gepriesen, haben schon zig Nobel- und andere Preisträger dort gesessen, darunter Swetlana Alexijewitsch, Herta Müller, Orhan Pamuk, Mario Vargas Llosa und quasi als Stammgast Martin Walser.

Viele besondere Momente

Aber auch Thrillerkönige wie Frederyk Forsyth oder Frank Schätzing, Bestseller-Autoren wie Ken Follet, Umberto Eco und Jan Weiler oder biografisch ambitionierte Promis wie die Klitschko-Brüder standen ebenso Rede und Antwort wie Frauenrechtlerin Alice Schwarzer.  Unvergessen, wie sich Nobelpreisträger Günter Grass 2006 auf dem „Blauen Sofa“ bei der Vorstellung seines Romans „Beim Häuten der Zwiebel“ als ehemaliges Mitglied der Waffen-SS outete. Beängstigend der Ansturm von mehr als 1000 Fans, als Hape Kerkeling erklärte „Ich bin dann mal weg“. Umwerfend, wie Grandseigneur Mario Adorf mit verblüffenden Offenheit seiner Gesprächspartnerin gleich eingangs erklärte, dass er nach 30 Sekunden wisse, ob er eine Frau rumkriege – um sich dann lässig in die Polster zurückzulehnen.

Natürlich gab es auch schon Pannen. Christiane Munsberg erinnerte sich in einem Gespräch an einen US-Autor, der versehentlich eine Schlaf- statt Kopfschmerztablette genommen hatte und sich daher kaum noch wach halten konnte. Oder daran, als der Hallenmeister in Frankfurt den Hebel für die Stromversorgung umlegte, plötzlich alle tonlos im Dunkeln saßen und die Autorin auf dem „Blauen Sofa“ in Panik geriet.

Herausforderungen, die bewältigt sein wollen – nicht zuletzt mit Blick auf die aktuell eingeladenen 70 Autoren der diesjährigen Buchmesse. 34 Stunden Gespräch an fünf Tagen sind von den Machern geplant, darunter mit dem frisch gekürten Buchpreisträger Robert Menasse. Ausgewählt werden die literarischen Gäste von einem Gremium, wobei einerseits auf die „richtige Mischung“ für den Unterhaltungswert, vor allem aber auf die Relevanz der zum Buch verarbeiteten Themen geachtet wird. Das ist laut Munsberg ebenso wichtig wie der Promi-Status der Autoren.

Wenn die Frankfurter Buchmesse am Sonntag,15. Oktober endet, geht es für das „Blaue Sofa“ munter weiter. Am 19. Oktober nimmt Daniel Kehlmann darauf Platz, um seinen neuen Roman „Tyll“ voruzustellen. Die Veranstaltung findet in Brechts Traditionstheater, dem Berliner Ensemble statt, wo das „Blaue Sofa“ seit 2005 ebenfalls eine Heimat gefunden hat. Vom 22. bis 29. Oktober steht es dann auf der Buchmesse in Belgrad. Und am Donnerstag, 23. November, wird Christiane Westermann auf dem wohl bekanntesten Möbelstück des Literaturbetriebs Buchtipps geben – im schon lang ausverkauften Theater Gütersloh.

 Den weißen Kulturkubus hat Bertelsmann als jüngstes Domizil für sein literarisches Erfolgsformat auserkoren. Womit das „Blaue Sofa“ zu seinen ostwestfälischen Wurzeln zurückkehrt – und seinem Möbel-Ursprungsnamen einmal mehr gerecht wird: „Clou“.

Den kompletten Artikel lesen Sie in der „Glocke“ vom 11. Oktober.

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