Chansonnier mit düsterer Seele
Bild: Steinecke
Als Chamäleon der Kleinkunst, Diva, Senkrechtstarter und Entertainer von Weltformat hat sich Chansonnier Tim Fischer einen Namen gemacht. Sein düsteres, melancholisches Programm „Absolut!“ kam in Gütersloh aber nicht bei jedem gut an.
Bild: Steinecke

Fischer interpretierte Lieder von anderen Künstlern. Darunter Jacques Brel, Zarah Leander, Georg Kreisler oder Sebastian Krämer. Nicht immer zum Wohlgefallen einiger Zuschauer. Die hatten wohl eher etwas mehr Heiterkeit erwartet. „Ich kenne ihn von vor acht Jahren. Da hat er mir besser gefallen. Ich habe ernsthaft überlegt, zu gehen“, sagte eine Zuschauerin in der Pause. Nummern wie „Dont’t look“ und „Hitler“ von Thomas Pigor, in hartem Stakkato vorgetragen, stießen auf Unverständnis. Oder auch die bitterböse Lösung, wenn vier Kopfschüsse ein Eheproblem lösen.

Und wer mehr Travestie mit Frauenfummel und Federboa erwartet hatte, wurde ebenfalls enttäuscht. Fischer unverfälscht lautete das Credo. Vor der Pause in schwarzem und anschließend in weißem Smoking. Starke Gesten und eine starke Stimme mussten reichen. Das tiefe Alt dick unterstrichen von Rainer Bielfeldt am Flügel. Lange waren Fischer und sein kongenialer Begleiter und Liedschreiber künstlerisch getrennte Wege gegangen. Jetzt funkte es wieder zwischen den beiden. Fischer weiß das. Mit der Hommage „Aber der Novak lässt dich nicht verkommen“ von Hugo Wiener, umgetextet auf „den Bielfeldt“.

Im zweiten Teil badete Fischer sein Publikum sanft in süßer Schwermut. Da stirbt sie leise dahin – die große Liebe. Oder sie hält bis über den Tod hinaus. Wer länger lebt, pflanzt Lavendel auf dem Grab des anderen. Natürlich durfte die „Rinnsteinprinzessin“ nicht fehlen. Die Gelegenheitsbraut ist nach wie vor Fischers Paradestück. Bielfeldt hat sie ihm 1993 auf den Leib komponiert.

Fischer sang von Alkohol und Einsamkeit und der Ödnis des Lebens. Unerfüllte Sehnsüchte, die im Sonnenuntergang am Strand von Frankfurt/Oder zwischen Penny-Markt und Steh-Imbiss fortgespült werden. Vielleicht ein wenig autobiografisch. Fischer hat es in seinen wilden Zeiten richtig krachen lassen. Bis zum Verlust der Gesundheit. Heute trägt er Hörgeräte und trinkt keinen Alkohol, lebt vegan.

Zwischenzeitlich mit einem Augenzwinkern servierte Leichtigkeit wie in „Maulende Rentner“ täuschten nicht über die Melancholie hinweg. Das Ende war mit „Komm, großer schwarzer Vogel“ von Ludwig Hirsch schaurig-morbide. Stehender Applaus und Bravo-Rufe, die sich leider ein wenig in der kargen Atmosphäre der spärlich besetzten Stadthalle verloren.

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