Fast kein Infizierter bei Massentests
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Vor dem mobilen Corona-Testzentrum in Gütersloh haben sich lange Schlangen gebildet. Bisher sei unter 2000 getesteten nur ein Infizierter gewesen, sagt NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) im Gesundheitsausschuss.
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Im gesamten Kreis Gütersloh sind aktuell (Stand 25. Juni, 15 Uhr) 45 Personen, die keinen direkten Bezug zur Firma Tönnies haben, mit dem Coronavirus infiziert. Das sind 13 Personen mehr als gestern. Viele von ihnen haben jedoch einen mehr oder weniger direkten Kontakt zu Beschäftigten der Firma Tönnies. Im Diagnosezentrum der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) am Carl-Miele-Berufskolleg, das am 23. Juni mittags die Arbeit aufgenommen hatte, wurden 2521 Abstriche genommen. Zum Stand Donnerstag 15 Uhr lagen 1655 Befunde vor, davon waren 3 positiv. Die Differenz zu Aussagen von Minister Laumann  kommt durch die Zählweise zustande. 1 Befund ist positiv, zwei sind ‚schwach positiv‘, das heißt das Ergebnis ist weniger eindeutig. In Abstimmung mit dem Robert-Koch-Institut (RKI) und dem Landeszentrum für Gesundheit werden diese Fälle zu den positiven gezählt.

1413 Tönnies-Beschäftigte positiv

Auch ein weiteres Ergebnis liegt jetzt vor: Das Endergebnis der Reihentestung bei der Firma Tönnies. Das RKI hatte auch diese Statistik noch mit unter die Lupe genommen. Bei der jüngsten und zweiten Reihentestung auf dem Gelände der Firma wurden 6139 Tests gemacht, davon waren 1413 positiv.

Den Wert 50 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner haben inzwischen mehrere Bundesländer zum Maßstab für Beherbergungsverbote für Besucher aus einem solchen Kreis gemacht. Am Mittwochabend teilte auch Baden-Württemberg mit, dass man Reisende aus dem Corona-Risikogebiet in NRW nicht mehr im Land übernachten lasse. Bayern und Niedersachsen hatten bereits Beherbergungsverbote beschlossen, Schleswig-Holstein erließ eine Quarantäneregelung. Ausnahmen gelten auch in Baden-Württemberg für Personen, die mit einem ärztlichen Attest belegen können, nicht infiziert zu sein. Auch Sachsen-Anhalt denkt über Einschränkungen für Urlauber aus Corona-Risikogebieten nach. 

Im Kreis Gütersloh, aber auch im Kreis Warendorf, lag die Zahl der Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage zuletzt teils deutlich über der Marke 50. Laut Robert Koch-Institut sanken die Raten am Donnerstag im Kreis Gütersloh auf 192,8 und im Kreis Warendorf auf 50,4.

Weitere Testzentren

An den Testzentren in den Kreisen Warendorf und Gütersloh hatten sich bereits am Mittwoch lange Schlangen von Menschen gebildet, die einen Corona-Test machen wollten, um mit einem negativen Ergebnis Sicherheit für ihren Urlaub zu haben. Wegen des großen Andrangs baut der Kreis Gütersloh seine Testkapazitäten weiter aus: Nach Angaben von Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) sollen pro Tag jetzt 10.000 kostenfreie Corona-Tests möglich sein. Um dieses Ziel zu erreichen, habe der Kreis in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung weitere Testzentren eingerichtet, hieß es in einer Mitteilung vom Donnerstag. Drei solcher Zentren gibt es in Gütersloh, je eines in Verl, Rheda-Wiedenbrück und Halle. Wer sich testen lassen will, muss sich dennoch auf längere Wartezeiten einstellen. Im Kreis Warendorf nimmt nach dem Zentrum in Oelde am Freitag ein weiteres Test-Zentrum in Ahlen seine Arbeit auf.

 Im NRW-Gesundheitsausschuss wurde am Donnerstagmorgen erneut über die mutmaßlichen Ursachen und die Folgen des Corona-Ausbruchs beim Fleischbetrieb Tönnies diskutiert. Eine erste Welle von Infizierten bei Tönnies hat es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Mitte Mai im Zusammenhang mit einer "kirchlichen Veranstaltung" gegeben. 

Ausbruchsgeschehen weiter unklar

Eine genaue Ursache für den Eintrag des Coronavirus in die Firma Tönnies lässt sich aus Sicht des Kreises nicht exakt und zweifelsfrei benennen. Im Rahmen der Recherche bei Infizierten ist im Mai ein Ausbruchsgeschehen auf den Besuch einer Kirche in Herzebrock-Clarholz zurückzuführen gewesen. Es hat mehrere Infizierte gegeben, die einen direkten Bezug zu dem Unternehmen Tönnies haben und die einen Gottesdienst am 17. Mai besucht haben. Die Gemeinde hat ein sehr großes Einzugsgebiet. „Ich habe immer gesagt, es ist nicht klar, wer der Indexfall ist“, betonte Dr. Anne Bunte, Leiterin der Abteilung Gesundheit des Kreises. Das genaue Ausbruchsgeschehen konnte bis heute nicht vollständig geklärt werden. Auch aus diesem Grund hatte der Kreis ein Amtshilfeersuchen gestellt, das Robert-Koch-Institut sei auch dafür mit an Bord. Es sei jetzt Aufgabe der Experten des Robert Koch-Instituts, diese Frage zu klären. Erste Infizierte im Kreis Gütersloh habe es nachweislich bereits Wochen zuvor im Zusammenhang mit Rückreisenden aus dem Winterurlaub gegeben. 

Hilfe aus Münster

Die Stadt Münster solidarisiert sich - trotz angeordneter Beschränkungen - mit den  Bürgern der Kreise Warendorf und Gütersloh. Die Solidarität drückt sich unter anderem in konkreten Hilfen für die beiden Kreise aus. So stellt die Stadtverwaltung den Kreisen in einer ersten Reaktion rund 25 Mitarbeiter bereit, die dort die Corona-Massentestungen und das Rückverfolgen von Infektionsketten unterstützen. Das Universitätsklinikum Münster hält Kapazitäten für die stationäre Behandlung von Covid-19-Patienten aus den betroffenen Kreisen vor. Weitere Unterstützungsmöglichkeiten werden laufend geprüft.

Vorsicht ist weiterhin geboten

Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) erinnerte mit Blick auf die Ereignisse in Nordrhein-Westfalen daran, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei sei. "Bis wir wirklich einen effektiven Impfstoff oder Heilmittel haben, wird das Virus weiter lauern", sagte Braun am Mittwochabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz". Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warnte vor leichtsinnigem Verhalten. "Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei", sagte er am Donnerstag bei einer Veranstaltung im Schloss Bellevue. "Die Entwicklung in den Hotspots zeigt, dass wir uns immer noch auf sehr, sehr dünnem Eis bewegen." Jeder, nicht nur er, habe natürlich die Befürchtung, "dass sich die Zahl der Hotspots vermehrt und dass die Ansteckungsrate wieder nach oben geht".

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