Schockerlebnis Ahrweiler
Ihre Hochwasserhilfe: Fiol Thormann und ihr Team schnitten einen Tag lang in Ahrweiler Haare.

„Es war ein Schock!“ Gänsehaut und glasige Augen auch noch am Dienstagmorgen, als Fiol Thormann ihr Erlebtes erzählt. Die Friseurmeisterin aus Ahlen hatte am Montag mit ihrem Team das Flutkatastrophengebiet in Ahrweiler angesteuert, um einen Tag lang mit Haarschnitten einen ganz persönlichen Beitrag zur Hochwasserhilfe zu leisten. Unvergessen dürfte wohl die Reaktion eines dreijährigen Jungen bleiben, als sein Schopf mit der Wasserspritze angefeuchtet werden sollten. Er habe geradezu panisch geschrien: „Kein Wasser!“

Über ihre WhatsApp-Gruppe, mit der die Ahlenerin bundesweit mit Kolleginnen und Kollegen in Verbindung steht, hatte Fiol Thormann den Kontakt nach Ahrweiler hergestellt – und auch den Termin abgestimmt. Am sonst freien Montag standen jetzt im Morgengrauen Dilan Palak, Tanja Feiler, Sven Sontowski, Richi Biro und Anja Haurenherm-Krüger vor dem Salon an der Gerichtstraße bereit, um für ihren Freiwilligeneinsatz in den angemieteten Sieben-Sitzer zu steigen. Zweieinhalb Stunden später war das Ziel erreicht. Die erste Wahrnehmung, die Bürokraft Anja Haurenherm-Krüger für sich formuliert: „Der Geruch.“ Feucht und moderig. Dazu das monotone Geräusch der Besen lang durch den Tag. Oberhalb der Altstadt stand ein Container bereit, der sonst für Filmdreharbeiten angemietet wird. „Voll ausgestattet mit allem, was wir brauchten“, wie Fiol Thormann erzählt. So ideal hier die Arbeitsbedingungen, so unvorstellbar das, was sie weiter unten in Ahrweiler sah. Sie habe Flyer verteilen wollen, um die Menschen auf ihr Angebot aufmerksam zu machen. „Es war für mich ein Schock. Ich hätte heulen können. Unten ist fast nichts mehr. Kein Geschäft, kein Restaurant, kein Metzger.“ Ebenso unvorstellbar das, was sich neben dem Container abspielte: Menschen, die mit Tragetaschen in ein weißes Zelt gingen, um ihre Wäsche zu waschen. Am späten Nachmittag ähnliche Bilder. Männer und Frauen, wieder mit Plastikbeuteln, um zu duschen. Thormann: „Es war für mich ganz schlimm, das zu sehen.“

Schwer verdaulich auch die Gespräche, während die Haare geschnitten wurden. Die Ahlenerin kam mit einem jungen Metzger und Bäcker ins Gespräch. Beide hätten alles verloren. Einer habe gesagt: „Es wäre vielleicht besser gewesen, in den Fluten mitzuschwimmen...“

In Erinnerung wird aber auch die tiefe Dankbarkeit bleiben, die das Friseurteam lang durch den Tag bei über 50 Kontakten als Lohn für seine Arbeit aufnahm. Fiol Thormann spricht von kleinen Momenten, die Freiräume eröffneten für die Selbstwahrnehmung. Für Ruhe. Für ein Gespräch. „Du setzt dich hin und siehst dich plötzlich ganz bewusst im Spiegel.“ Alle hätten seit der Flutkatastrophe wahrlich andere Dinge im Kopf als einen Haarschnitt. Dennoch habe er gut getan. Für das Selbstwertgefühl. Für die Seele. Für etwas Normalität.

Auf der Rückfahrt war die Stimmung eine andere. Am Morgen noch, erzählt Anja Haurenherm-Krüger, hätten einige im Team die Autofahrt genutzt, um noch etwas Schlaf nachzuholen. Schließlich seien sie um fünf Uhr aufgestanden. Zurück sei die Stimmung eine aufgekratzte gewesen.

Ob es ein einmaliger Hilfseinsatz war? Fiol Thormann winkt ab. Ahrweiler sei erst am Anfang und immer noch im Stadium der Katastrophe. Eine Stadt ohne Friseur. Über Kolleginnen und Kollegen, die alles verloren hätten, stünde jetzt der direkte Kontakt. Die Bereitschaft im Team sei groß, erneut vor Ort zu helfen.

von Von Ulrich Gösmann

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